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Arm sein im reichen Land

Monatsversammlung vom 7. Juni 2021

So etwas hatten wir noch nie an einer Monatsversammlung: weder Vortrag noch Podium, auch keine Theorie, sondern eine «Performance», und erst noch über ein sperriges Thema: Armut im reichen Land. Unsere Gruppe «Leben mit wenig Geld» brachte auf ernsthaft-spielerische Weise die Probleme und Befindlichkeiten von jenen näher, die jeden Rappen umdrehen müssen.

Es war unsere hoffentlich erste wieder halbwegs normale Monatsversammlung, wenn auch mit Maske und Abstand, im grossen Saal der Johanneskirche. Nicht nur das war aussergewöhnlich. Die Darbietungen, moderiert von Max Gautschi, sprengten den Rahmen unserer üblichen Art der Veranstaltungen. Gegen 70 Pantherinnen und Panther fanden den Weg in die Johanneskirche.

Leben im Dauer-Lockdown
«Money money money must be funny in the rich man`s world….“, summte die Gruppe den Abba-Hit, die Bühne besteigend. Es folgten Sprüche mit Clichés über die Armen, ebenso dumm wie oft gehört. In diesem Stil ging es weiter. Die von Rosemarie Imhof geleitete Gruppe «Leben mit wenig Geld» zog die Anwesenden in ihren Bann mit einer Mischung aus ernsthaften Texten, provokativen Zwischenrufen, einem Dialog über die Alltagsprobleme von Betroffenen («Gefühl, im Hamsterrad zu stecken»), auch mit musikalischen Zwischentönen von Charly von der GP-Jazzband am Akkordeon.

Wir  vernahmen vom «täglichen Kampf ums Überleben» (Olivia Lang), von den zentralen Fragen im Leben von Betroffenen wie: Darf / soll ich meine Armut zeigen? Das braucht Mut. Oft wird man dann erst recht gemieden, weil die Umgebung Scheu oder keinen Mumm hat, sich dem Thema zu stellen. Arme leben im Dauer-Lockdown. Sich aufzubäumen gegen das Gefühl, nicht dazuzugehören, braucht viel Kraft. Auch willkommene Hilfe ist nicht nur einfach: Dankbarkeit mischt sich mit dem Bewusstsein von neuen Abhängigkeiten. Andrerseits kann Bescheidenheit auch zu neuer Kreativität und Phantasie anregen. Was man als ethische Bildung bezeichnen könnte, vermag wenigstens die belastete Psyche zu stärken. Aber der Wunsch nach Nähe und Angenommensein wird wenig erfüllt, viele sind im Alter einsam, und Corona machte alles noch schlimmer. «Emotionale Armut lässt die Seele verkümmern,» sagt Olivia.

Die Kluft zwischen Reich und Arm
Rosmarie Imhof listete viele Aspekte auf zu den wachsenden Diskrepanzen zwischen den Reichen, die immer reicher werden, und den Armen, die immer ärmer werden – auch in der Schweiz. Im Zentrum der Kritik: die neoliberale Wirtschafts- und Sozialpolitik unserer bürgerlichen Mehrheit. Mit vielen Beispielen geisselt sie die die Vermögenskonzentration in immer weniger Händen, die massiven Einkommensunterschiede, die Kluft zwischen Arbeits- und Finanzeinkommen, die ungleichen Ausbildungs- und Aufstiegschancen, die zu tiefen Erbschaftssteuern, den Skandal mit jenen Menschen, die trotz einem Vollzeitjob nicht über die Runden kommen – zwei Drittel von ihnen sind Frauen. Bei der nun anstehenden AHV-Reform fordert sie eine gezielte Stärkung der niedrigen Renten, weil selbst eine 13.AHV-Monatsrente die bestehenden Ungleichheiten nicht beseitigt.  «Aber wir haben die Wahl – zum Beispiel am 13.Juni bei der Basler Mindestlohninitiative».
Ganz in ihrem Sinne empfiehlt die Geschäftsleitung der Grauen Panther am 13.Juni ein Ja zur Initiative wie auch zum Gegenvorschlag.
Natürlich schloss die kreative Gruppe mit Mani Matters Lied: «Dene wos guet geit / giengs besser / giengs  dene besser / wos weniger guet geit / was aber nit geit / ohni dass s dene / weniger guet geit / wos guet geit.»

Auch über die Reichen reden
Nach dem starken Applaus folgten interessante Wortmeldungen von Mitgliedern, etwa über eine WG mit älteren Betroffenen. Ueli Mäder, der wohl ausgewiesenste Kenner der Materie, wies unter anderem darauf hin, dass es für die Betroffenen nicht allein um mehr Geld gehe, sondern um mehr Anerkennung, also genau um diese doppelte Annäherung, wie die Gruppe sie soeben vorführte. Und nicht zuletzt schlug Angeline Fankhauser unter Applaus vor, doch künftig auch über die Reichen zu reden statt ausschliesslich über die Armen: Wie fliessen die Geldströme eigentlich, auf welche Weise fliessen sie immer stärker zu Reichen? Wer weiss, vielleicht ein Thema für eine neue Arbeitsgruppe.

Text: Martin Matter
Foto: Heinz Weber


 

 

 
 
 

«Trauere nicht, wenn du etwas nicht mehr kannst, sondern freue dich an dem, was du noch kannst»

Felix Mattmüller wollte Gerechtigkeit und Würde für alle. Er dachte dabei immer zuerst an die sogenannt kleinen Leute. Als Pädagoge und Rektor der Basler Kleinklassen kämpfte er unablässig für eine menschliche und demokratische Schule. Die Liste seiner Publikationen ist lang. In den 70er-Jahren prägte die lebenslange Bildung der Erwachsenen die Diskussion der Bildungspolitiker und Bildungspolitikerinnen. Felix Mattmüller-Frick handelte, wie immer visionär. Demokratie 2000 hiess das Projekt: Er wollte Bildung für Alle, als Basis für gelebte Solidarität. Kleine Gruppen diskutierten über ein Thema, das ihnen am Herzen lag, vier Abende lang. Dann konnte jede teilnehmende Person die Führung einer neuen Gruppe übernehmen. Ein Schneeballsystem der Bildung! Damit war aber kein Geld zu machen, vielleicht deshalb erlahmte später das Ganze.


Felix Mattmüller-Frick war auch Grossrat, immer wieder gewählt nach der vierjährigen Karenzzeit der Amtszeitbeschränkung. Als Politiker hat er das fortgesetzt und verknüpft, was ihm als Pädagoge wichtig war: Demokratie, Chancengleichheit und menschenwürdige Arbeitsplätze. Bei den Grauen Panthern, die noch damals Graue Panther Basellandschaft, Baselstadt und Region hiessen, war er bis zum Jahr 1999 der erste Präsident. Auch da setzte er sich dafür ein, dass Alle gehört werden, auch wenn die Stimme altersbedingt nicht laut genug sein sollte. Ältere erinnern sich sicher an die Abstimmung zur Trambeschaffung, wo Niederflurtrams durchgesetzt wurden. Jetzt haben wir die Combinos und Tangos.


Er mahnte auch, sich nicht einschüchtern zu lassen und zum Beispiel sein Recht auf Ergänzungsleistungen geltend zu machen, solange die AHV nicht existenzsichernd sei. «Trauere nicht, wenn du etwas nicht mehr kannst, sondern freue dich an dem, was du noch kannst», empfahl er seinen Grauen Panthern immer wieder. Ob er diese weise Empfehlung auch selber nachleben konnte? Nun hat er uns 89-jährig verlassen. Er hat eine breite nachhaltige Spur hinterlassen. Dafür sind wir ihm dankbar.

Angeline Fankhauser

Veröffentlicht in der BZ, 5. April 2013