Südostschweiz; 15.04.2016; Seite 16

In Finnland soll ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle Bürger 2017 weitgehend repräsentativ getestet werden. Ausgerechnet die bürgerliche Regierung steht dahinter.
von André Anwar
In der Schweiz wird bald darüber abgestimmt, in Finnland testet man zuerst: Obwohl die Idee eines Grundeinkommens nach Sozialismus klingt, hat in Finnland ausgerechnet die bürgerlich-nationalistische Regierung von Ministerpräsident und Ex-Grossunternehmer Juha Sipilä die Idee vorangebracht. Dabei steckt Finnland gerade in einer Wirtschaftskrise. Dennoch oder gerade deshalb hat Sipilä die bereits seit Jahren währende Diskussion nach seinem Amtsantritt im Mai 2015 aufgegriffen. Derzeit ist die Volksrentenanstalt Kela dabei, ein grosses Experiment für 2017 vorzubereiten. Es soll zwei Jahre lang laufen.
Experiment mit je 10 000 Personen
Die Details sind noch nicht bekannt. Der mit der Ausgestaltung des Experimentes beauftragte Forschungschef von Kela, Olli Kangas, sagt aber, seine Expertengruppe befürworte ein kombiniertes Experiment, um möglichst aussagekräftige Messergebnisse zu erhalten. Dann könne über eine landesweite Einführung diskutiert werden. «Zum einen wollen wir in einem Ort mit mindestens 10 000 Einwohnern das Mitbürgereinkommen einführen. Zum anderen wollen wir aus der rund 5,5 Millionen Einwohner zählenden Gesamtbevölkerung Finnlands 10 000 Personen im arbeitsfähigen Alter zufällig auswählen und mit einer Kontrollgruppe, die kein Grundeinkommen erhält, vergleichen», verrät er. «Aber die Politiker entscheiden Ende 2016, was von unseren Vorschlägen machbar ist», sagt Kangas.
Das Grundeinkommen könnte bei steuer- und abgabenfreien 800 Euro (870 Franken) oder höher liegen und andere Sozialhilfezahlungen und den daran gekoppelten Kontrollbehördenapparat ersetzen. Am wichtigsten ist dabei, dass das Grundeinkommen nicht wie bei der Sozialhilfe verringert wird, wenn die Empfängerin oder der Empfänger arbeitet.
Hoffnung auf mehr Arbeitskräfte
Sipiläs bürgerliche Zentrumspartei hat bereits seit Jahrzehnten die Einführung eines Grundeinkommens im Programm. Vor allem hofft sie darauf, dass es mehr Menschen in den Arbeitsmarkt bringt. Denn bislang werden Sozial- und Versicherungsleistungen gekürzt, wenn Empfänger zusätzlich arbeiten. «Die Zentrumspartei hat, getreu ihrem Namen, schon immer Ideen aus dem rechten sowie dem linken politischen Lager vertreten», erklärt Antti Mykkänen, Direktor der Stiftung für kommunale Entwicklung, die Haltung des bürgerlichen Ministerpräsidenten. Zudem sollen Finnen durch das Grundeinkommen auch ermutigt werden, im Niedriglohnsektor zu arbeiten. Insofern enthält Sipiläs Modell durchaus auch Vorteile für Unternehmen. Die erhalten so ganz offiziell und nicht nur über den Schwarzarbeitsmarkt staatlich subventionierte Arbeitskräfte. Die in den Jahren des Aufschwungs stark angestiegenen Arbeitskosten würden dann wieder erheblich sinken. Laut Umfrage wollen denn auch 70 Prozent der Bürger die Einführung eines Grundeinkommens.
Stärkung der Innovationskraft
Ein nicht stigmatisiertes Grundeinkommen könnte dann auch Bürgern aus bescheidenen Verhältnissen die Möglichkeit geben, Risiken in Form eines Berufswechsels oder der Selbstständigkeit einzugehen. So könnten sich die Arbeitskräfte besser auf dem Arbeitsmarkt verteilen und die Innovationskraft wird gestärkt, so ein weiteres Argument. Unter dem Deckmantel eines Gesamtumbaus hin zu einer Vereinheitlichung des Sozialhilfesystems könnten auch Sozialkürzungen eher durchgesetzt werden, warnen Kritiker. Interessant dürfte das finnische Experiment in jedem Fall werden. Denn bisherige Experimente, wie etwa in einer kanadischen Kleinstadt in den Siebzigerjahren, gelten als nicht aussagekräftig genug.
70 Prozent ...
... der finnischen Einwohner befürworten laut einer Umfrage die Einführung eines Grundeinkommens.

Das Neuste

Theater aus Leidenschaft (und als «Selbstverteidigung»)

Monatsveranstaltung vom 2. Dezember 2019

30 Jahre und kein bisschen leise: Danny Wehrmüller und seine Muttenzer Rattenfänger gehören unzweifelhaft zu den profiliertesten Laientheatern der Schweiz. An unserer Monatsveranstaltung vom 2.Dezember, der letzten im alten Jahr und traditionell einem Kulturthema gewidmet, gaben er und einer seiner Schauspieler spannende Einblicke in die Entstehung der Gruppe, ihre Art des Vorgehens und ihr spezifisches Theaterverständnis.

Dieses Jahr, da Regisseur Danny Wehrmüller seinen 60. und die Rattenfänger ihr 30. feiern, wagten sie sich an einen besonders grossen Brocken: Goethes Faust. Denn die Muttenzer Truppe ist, wie Moderator und GL-Mitglied Max Gautschi es ausdrückte, zwar nach wie vor ein Laientheater, aber auf professionellem Niveau. Und so bescheinigten die Medien den Rattenfängern auch diesmal, dass sie die Herausforderung mit Bravour meisterten. Am Gelingen beteiligt war auch Christian Vontobel, sowohl aktives Mitglied der Grauen Panther als auch aktives Mitglied der Rattenfänger und im «Faust» mit 74 Lenzen der älteste Schauspieler. Den Regisseur Danny Wehrmüller lobt er als den grossen Chef, als sehr teamorientierten und  inspirierenden Leiter.

Wie alles anfing
Wehrmüllers Theaterwurzeln liegen im Kasperlispielen seiner Mutter, erzählt er; er hatte aber am Anfang richtig Angst vor den Figuren! Bald fing er selber mit Kasperlen ab, für Nachbarskinder. Später bekam er die Chance, in Radio-Hörspielen Kinderrollen zu sprechen, und so ging es Schritt um Schritt weiter. Danny versuchte Theater zu spielen wo es nur ging, im Holbein-Schulhaus, im Neuen Theater Basel. Sein Vater hinderte ihn allerdings daran, Schauspieler zu werden, und so wurde er gerne Primarlehrer. Christian stand erstmals als Chorsänger auf der Bühne, später trat er in Augusta Raurica auf, die Rattenfänger kamen erst viel später, von Beruf war er Informatiker.

Wie die Rattenfänger entstanden
Die JMS Muttenz führte anno dazumal zu ihrem 25. ein Jugend-Musical auf, bewusst aufgegleist als generationenübergreifendes Projekt. Danny inszenierte. Das hinterliess Spuren. Später fand  Danny  mit der  kühnen Idee, Zuckmayers Rattenfänger auf dem Wartenberg oben zu spielen, bei Gleichgesinnten - nach etlicher Skepsis - Anklang. Einem entsprechenden Aufruf zum Mitmachen folgten etwa 300 Leute!  80 waren schliesslich dabei, das Projekt lief sehr gut und erregte Aufsehen, sogar im TV. Aber eine Theatergruppe gab es noch nicht. Erst nach dem dritten Stück wurde eine formelle Vereinigung gegründet, weil die Gemeinde, die die Laien grosszügig unterstützt hatte, einen klaren Partner wünschte.  So entstanden die Rattenfänger, benannt eben nach ihrem ersten Theater-Erfolg.

Professioneller geworden
Wir sind immer noch ein Amateurtheater, das damals um jeden Interessierten froh war, betont Danny. Nach 9 Jahren hingegen mussten alle Interessenten eine Art Casting durchlaufen mit dem Regisseur, der auf diese Art die künstlerische Qualität der Truppe merklich steigern konnte. Alles verläuft auf gutem Hochdeutsch. Doch jeder Schauspieler muss sich auch hinter den Kulissen in irgendeiner Form engagieren: Diese Regel soll verhindern, dass es am Ende wenige «Stars» gibt, die den Applaus entgegennehmen, und  daneben viele Sklaven. Keine Zweiklassengesellschaft:  «Das halten wir eisern durch», sagt Danny.

Wie entsteht eine neue Produktion?
Das Vorgehen ist bei den Rattenfängern nicht immer gleich. Das Ensemble sucht ein geeignetes Stück im Kreise einer einer Lesegruppe. Oder das Ensemble fordert Danny auf, etwas Gutes vorzuschlagen, das war für die neueste Produktion der Fall. Im Moment sucht Danny ein Stück, das, auf Wunsch, auch Musik enthält und nicht zuletzt den Interessierten selber auch eine Rolle bietet.  Christian lobt dieses Vorgehen sehr. Danny könne auch Texte umschreiben und zum Beispiel mehr Rollen schaffen für Interessierte. Es bestehe grosser Variantenreichtum in der Stück- und Textwahl.

Natürlich gibt es auch kritische Momente. Danny erzählt: Ibsens «Volksfeind» habe man nach Muttenz transferiert und auf der berühmt-berüchtigten Deponie Spielerlaubnis erhalten. Dann erklärte Novartis als Eigentümerin plötzlich, man sei am Verkaufen des Areals und dürfe leider keine Zwischennutzung mehr bewilligen. Im letzten Moment konnte man beim Gymnasium die Lösung finden. Das löste viel Hektik aus, aber es gelang. Problematisch werde es auch, wenn jemand eine grössere Rolle zurückgeben muss oder krank wird. So sprang Danny einmal als «Eingebildeter Kranker» nach 24ständigem Intensiv-Rollenstudium im letzten Moment ein, erzählt Christian.

Budget und Finanzierung
Der diesjährige Faust kostete laut Wehrmüller 100000 Franken. Ausser dem Regisseur wird aber niemand entlöhnt. Zum Beispiel kostete allein die Zuschauertribüne etwa 20000, der Strombezug 7-9000 Franken, eine professionell gebaute und von der Suva abgenommene Bühne auch 20000. Aber man leiste natürlich sehr viel selber mit Handanlegen. Jedesmal stellen die Rattenfänger draussen ein komplettes Theaterdorf auf, statt im Saal zu spielen, «das gehört so zu uns». Jedes Mal wird an einem anderen Ort im Dorf gespielt, abgestimmt auf Charakter und Inhalt des Stücks; «Muttenz er-spielen» nennen die Rattenfänger das.

Was kann, was soll Theaterkunst?
Danny: Der Reiz des Theaters besteht darin, dass es jedesmal mal live ist, also ein absolut unmittelbares Ereignis. Von der Funktion her sei ernstzunehmendes Theater politisch: Menschen kommen zusammen und beschäftigen sich mit Sachen, die nicht immer nur angenehm sind.
Christian ergänzt: Politisch war letztes Jahr die Botschaft zum Muttenzer Deponieproblem, das  mit Ibsens «Volksfeind» geäussert wurde. Es kam an und war ein Erfolg. Danny habe  einmal geäussert, er mache Theater, um all die heutigen Zustände besser auszuhalten: «Das war deutlich und ehrlich».  Eine Art Selbstverteidigung, sagt Danny selber.

Wieso grenzt ihr euch ab zu anderen Dorftheatern mit ihrer Vorliebe zu Schwank und Komödien, wollte Max Gautschi weiter wissen.  Zum einen ist es seine Wahl, literarisch anspruchsvollere Texte reizen ihn, erklärt der Chef. Anfänglich hoffte er, damit Leute ins Theater zu bringen, die sonst nicht ins Theater gehen. Das hat zu seinem grossen Bedauern nicht funktioniert. «Vielmehr erreichen wir dieselben Leute,  die auch ins Theater Basel gehen». Das sei zwar ehrenvoll, aber schade, dass so viele Menschen sich offenbar einen Dürrenmatt oder Brecht nicht zutrauen können oder wollen. Dabei versuche er immer, «unterhaltsam» zu inszenieren, selbst Tragödien.

Wie lange noch?
Danny: «So lange ich mag und das Bedürfnis habe, mache ich weiter». Er sei sehr zuversichtlich, dass es auch nach ihm weitergeht, auch wenn es noch keinen Nachfolger gibt. Aber er kenne viele talentierte junge Regisseure oder Regisseurinnen, die das könnten. Fast schwieriger werde es,  stets genug neue Leute für die nicht immer dankbaren Chargen hinter den Kulissen zu begeistern.
Für Christian stellt sich die Frage nach dem «wie lange noch?» durchaus.  Er selber war neunmal hintereinander dabei, er wollte beim Jubiläum dabeisein, nächstes Jahr wäre es das zehnte Mal….

«Ad multos annos», auf viele Jahre, lautet ein antiker Glückwunsch. 

 

 Foto Martin Matter