Das Neuste

Spiritualität im Alter

Monatsveranstaltung vom 6. Februar 2017

Spiritualität im Alter – Philosophie, Religion und Weltdeutung

Erneut hat sich gezeigt, dass ein Thema für unsere monatliche Veranstaltung auf überaus starken Widerhall traf: Über 120 Interessierte drängten sich am 6.Februar ins Quartierzentrum Bachletten, was Moderatorin Gertrud Stiehle, Leiterin unserer Schreibwerkstatt, beinahe „überwältigte“. Der Referent des Tages, PD Dr.Michael Bangert, ist christkatholischer Pfarrer der Predigerkirche, Lehrbeauftragter und Erwachsenenbildner; derzeit liest er etwa über „Mittelalterliche Mystik“.

Bangert lieferte keine pfannenfertigen Erklärungen dessen, was Spiritualität zumal im Alter bedeuten kann. Er könne, meinte er einleitend, „auf die Spur eines gemeinsamen Nachdenkens führen, nicht mehr“. So war es denn auch. In weitem Bogen, bisweilen mit Gedankensprüngen und Zusatzschlaufen, auch durchaus mit Humor, näherte Bangert sich dem Thema. 

Verhältnis zur Wirklichkeit
Nach Bangerts Vorschlag beschreibt Spiritualität im Kern, in welchem Verhältnis ich mich zur Wirklichkeit befinde und in welcher Geisteshaltung ich ihr begegne. Die meisten Menschen hätten eine Art romantisches Verhältnis zur Wirklichkeit, „romantisch“ nicht als „idyllisch“ verstanden, sondern im Sinne des 19.Jhds.: hinter der Wirklichkeit und in der Tiefe sucht man, „bis sich die blaue Blume der Erfüllung findet“. Demgegenüber regt Bangert eine andere Haltung an: Das Phänomen der Wirklichkeit mit einem Höchstmass an Nüchternheit betrachten und deuten, ohne etwas hinzuzufügen oder wegzudeuten. Und diese Wahrnehmnung kann im Lauf des Lebens ändern.

Was das konkret bedeutet, illustrierte er an zwei Rembrandt-Selbstbildnissen. Sein letztes ist von hoher Realitätsdichte, der Maler beschönigt nichts an sich. Bangert: „Eine gewisse Gnadenlosigkeit der Selbstwahrnehmung“. Auf einem Bild als etwa 30jähriger und in erfolgreicher Phase wirkt Rembrandt demgegenüber glänzend, sehr selbstbewusst und tatenhungrig.

Erst in der Renaissance und im Spätmittelalter beginnt die europäische Kunst, Menschen so darzustellen wie sie sind, gerade ältere Menschen. Für Bangert ein wichtiger Punkt in der abendländischen Tradition: sich nüchtern wahrzunehmen, während zuvor alle, ob Könige oder Gewöhnliche, meist in einem Idealalter von etwa 30 dargestellt wurden.

Grundlegende Konstanten
Junge Menschen, fuhr Bangert fort neigen dazu ihre Fähigkeiten auszuprobieren und vielleicht auch zu überschätzen. Im Alter dagegen werde der Mensch seiner grundlegenden Konstanten erst wirklich bewusst. Die erste Konstante: Ich bin auf einen Dialog angewiesen. „Die grundsätzliche Bezogenheit zu jemand und zur Welt prägt sich im Alter stark aus, vor allem nach der Pensionierung“. Sie kann zum Gefühl einer gewissen Sackgasse führen.

Am Bild der Blattscheide in der Natur erläuterte Bangert das Werden: An der Blattscheide wächst etwas Neues heran. Wie gehe ich damit um? Das Alter habe die Gefährdung, sich auf das zu fokussieren, was verloren gegangen ist. Wenn der Fokus aber auf dem liegt, was gelingt, wird es gut. Verlust oder auch das Glück der Reduktion, fragt Bangert.

Und der Tod? Die Herausforderung des Todes ist im Alter unausweichlich: Das, was mich ausmacht, das besteht. Wenn das Zufällige wegfällt, ist das die Herausforderung für Spiritualität. Ars moriendi, die Kunst des Sterbens, auf den Tod zugehen können.

Und unser Verhältnis zur Zeit? „Keine Zeit“ hört man sehr häufig. Wie verhalte ich mich zum Verlauf meiner Zeit? Ist das Chronos, Ablauf der Zeit, oder aber gefühlte Zeit? Ist mein Glas halb voll oder halb leer, und wie deute ich das? „Alter ist kein Schicksal“, betont Bangert. „Ob die Zeit verrennt oder erfüllt ist, ist nicht schicksalshaft“. Er nannte als Beispiel seine eigene Mutter: Trotz leiser Demenz habe sie das Element des Glücklichseins nicht verloren. Zum Beispiel das gute Essen. Sie ysi sehr wirklichkeitsnah mit ihrem Leben umgegangen.

Weisheit und Freundschaft
Die abendländische wie auch die orientalische Tradition betonen: Alter ist eine Phase der Weisheit. Gelassenheit, das Wissen, dass es Wichtigeres gibt und weniger Wichtiges. An zweiter Stelle steht die Freundschaft: Das Alter kann eine Phase der Freundschaftsbindung sein. Isolation ist gefährlicher Mechanismus, der uns leicht dazu führt, uns isoliert zu fühlen. Man muss aus dem raus, betonte Bangert. „Weisheit und Freundschaft sind ganz entscheidend für das, was Spiritualität im Alter bedeuten könnte.“

„Der Teil Gottes“
In der anschliessenden Fragerunde gab eine Dame einer gewissen Ratlosigkeit Ausdruck: Alles sehr interessant, meinte sie, aber sie habe aber noch immer nicht begriffen, was Spiritualität ist.
Bangert versuchte es so: „Fangen Sie an, auf einem Instrument zu spielen. Aber wie? Ich weiss nicht, wo die Möglichkeiten bei Ihnen liegen. Versuchen Sie es, suchen Sie“. Zugleich mahnte er an, was Yehudi Menuhin einmal sagte: Es gebe Leute, die können eine Partitur perfekt spielen – und doch sei es nur eine Abfolge von Tönen, denn es fehle „la part de Dieu“, der Teil Gottes. Bangert: „Suchen Sie, suchen Sie, aber „La part de Dieu“ dürfen Sie nicht ausschliessen, sonst finden Sie es nicht“.

Und wie wenn er auf das Stichwort gewartet hätte, erzählte ein Besucher in stattlichem Alter, er habe mit 85 erstmals Gesangsstunden genommen, obwohl er seinerzeit als Kind als unmusikalisch erklärt worden sei! „Heute kann ich singen, und das ist eine ganz grosse Gnade.“ Der Saal applaudierte. Ein Beispiel, dass „la part de Dieu“ vielleicht gar nicht so weit entfernt liegt, wie wir meinen könnten?

Neue Gruppe in Sicht
Das Bedürfnis nach vertiefter Auseinandersetzung mit dem Thema schien nach Beendigung der Veranstaltung spürbar. Nicht ohne Folgen: Marc Joset, Binningen, trat vor und kündigte an, dass er gerne eine Gruppe leiten würde für ganz persönlichen Austausch zum Thema. Es haben sich schon etliche Interessierte spontan auf seiner Liste eingetragen.

Martin Matter