Das Neuste

Faszination Mani Matter

I han es Zündhölzli azündt...

Monatsversammlung vom 5. Dezember 2016

Die Faszination ist ungebrochen. Mani Matters subtile Wortstärke, sein Witz, seine Nachdenklichkeit, sein Tiefgang und nicht zuletzt seine beklemmende Aktualität: Sie ziehen auch 44 Jahre nach seinem Tod alle (oder fast alle) in ihren Bann. Die GP haben deshalb beschlossen, dem Phänomen Mani Matter – er wäre heuer 80 geworden – etwas nachzugehen zum Jahresabschluss. Der QuBa-Saal war randvoll.

Mani Matter nachzuspüren war in einer ganz wunderbaren Kombination möglich: Der promovierte Walliser Historiker und Schriftsteller Wilfried Meichtry, Autor der Ausstellung über Mani Matter im Landesmuseum, hat eine einfühlsame Biographie geschrieben und ist in der Lage, ein ungemein facettenreiches Bild dieses kurzen, aber intensiven Lebens zu zeichnen. Dazu, jeweils fein abgestimmt, sang der junge Berner Musiker Lukas Gerber bekannte, aber auch ganz unbekannte Lieder von Mani. Man hätte noch stundenlang zuhören mögen.

Missverständnisse
Viele Neues und kaum Bekanntes haben wir zu hören bekommen. Und viel gelernt. Es ist, sagt Biograph Meichtry bescheiden, eine grosse Horizonterweiterung, zu sehen, was Mani Matter sich alles für Fragen gestellt hat in seinem Leben und was seine zentralen Ambitionen waren mit seinen Liedern. Und es wird uns klar: Er war keineswegs nur glücklich über seinen Erfolg. Auch nach über 100 Aufritten spürte er immer noch diese Beklemmung. Warum? Die Leute, wie immer restlos begeistert, klatschen sich die Hände wund und rufen „Zugabe!“ Welch ein Missverständnis! Statt die Leute zum Denken anzuregen, versetze ich sie in Festlaune, brütet er erneut, im Auto sitzend nach dem letzten Auftritt im Basler Fauteuil-Theater. Vielleicht sollte er gar mit Singen aufhören? Auch machen ihn gewisse Kritiker fertig. Er schildere eine heile Welt, schrieb einer, der ihn ebenso missverstand wie der Grossteil seines treuen Publikums. Er fuhr rasch, er war müde. So konnte er nicht mehr weitermachen.... Dann passierte es.

So schildert Meichtry die Stimmungslage in dieser Nacht, romanhaft, gestützt auf den Nachlass. Mani Matter litt eigentlich etwas unter seinem Erfolg. Denn er wollte mit Zwischentönen und Geschichten mit doppeltem oder dreifachem Boden die Leute zum Nachdenken bringen. Aber man liebte vor allem seine witzigen Ohrwürmer und überhäufte ihn oft mit dümmlichen Komplimenten.

Warum syt dir so truurig...
Mani entstammte einem äusserst anregenden und belesenen Elternhaus. Vater Erwin hatte viel Humor und liebte Wortspiele aller Gattungen. Aus einem Aufsatz des erst 14Jährigen erfahren wir erstaunliche frühreife Lebensklugheit. Fragen waren ihm auch später immer wichtiger als Antworten, ja er hasste geradezu die schnellen Antworten. An der Uni, 20jährig, kommt er zum Schluss: Ratlosigkeit ist die einzige richtige Haltung gegenüber der Welt. Fragen, nachdenken, abwägen: Er macht dies zum Ausgangspunkt seiner künstlerischen und juristischen Arbeit und erteilt damit eine Absage an jedes ideologische Denken. Das war in den 68er Jahren nicht einfach und trug ihm natürlich Kritik ein von Seiten der dogmatisch antikapitalistischen Studenten, die ihn als biederen Spiesser abtaten. Aber genau weil seine Lieder so zeitlos sind, haben sie überlebt, sagt Meichtry: nicht wie Biermann, der ja teilweise wieder abgeschworen hat.
Nur ein einziges Mal, im Berner Bierhübeli an einer Benefizveranstaltung gegen das verschärfte Berner Kinderstrafrecht, sang Mani Matter zwei politisch kämpferisch klingende Lieder, die seine treuen Hörer verunsicherten (und vier radikale 68er Studenten, die ihn an diesem Abend angreifen wollten, total ins Leere laufen liessen). Bis er „ dr Hansjakobli und ds Babettli“ nachschob - da hatten die Leute „ihren“ Mani Matter wieder.

Mängisch ja und mängisch ney säge
Als Jurist und Politiker kommt er zum Schluss: Der Konsens zur Uneinigkeit ist absolut zentral für die Demokratie. Wir sind einig, dass wir uneinig sind. Während seines Cambridge-Jahrs schrieb Mani Matter in einem Anflug von Euphorie gar einen Verfassungsentwurf, „als Zeitbombe in einer Bundesratsschublade“. Gleichzeitig komponierte er sein berühmtes Dynamit-Lied: Schöpferisches Miteinander, sagt Meichtry dazu.

Zum Schluss der Veranstaltung sang Lukas Gerber das bekannte Lied „Dene wos guet geit“:

Dene wos guet geit
giengs besser
giengs dene besser
wos weniger guet geit
was aber nid geit
ohni dass dene
weniger guet geit
wos guet geit
drum geit weni
für dass es dene
besser geit
wos weniger guet geit
o drum geits o
dene nid besser
wos guet geit.

Wenn das nicht aktuell ist! Also: Mani Matter wieder hören! Biografie lesen!

Martin Matter
(leider leider nicht verwandt mit MM)

Wilfried Meichtry: Mani Matter. Eine Biographie. Nagel & Kimche, München 2013