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Monatsversammlung vom 4. September 2017: Seniorinnen und Senioren am Steuer

Bürokratie-Monster oder Eigenverantwortung

Sind die ärztlichen Kontrolluntersuchungen für Senioren diskriminierend? Gehören sie abgeschafft? Oder sollen sie auf alle Autofahrerinnen und Autofahrer ausgeweitet werden? An der Monatsversammlung der Grauen Panther wurde die Frage lebhaft diskutiert.

„Seniorinnen und Senioren am Steuer“. So lautete lapidar der Titel der Monatsversammlung vom 3. September im Quartierzentrum Bachletten. Moderator Martin Matter hatte zwei Fachleute eingeladen: Steffen Geiger, Facharzt für Arbeitsmedizin, Verkehrsmediziner und leitender Geschäftsführer des Arbeitsmedizinischen Zentrums Basel. Und Gilbert Quenet, Fahrlehrer mit Zusatzausbildung als Senioren-Fahrberater und Besitzer der Birsig-Fahrschule in Oberwil.

Das Thema ist brandaktuell: Der Ständerat wird demnächst beraten, ob die Altersgrenze für die erste ärztliche Kontrolluntersuchung von 70 auf 75 Jahre hinaufgesetzt werden soll. Darum war am Monatsanlass auch ein Rundschau-Team des Schweizer Fernsehens anwesend welches die Gesprächsrunde filmte und einige Einzelinterviews führte.

Foto H.P. Meier

Krankheiten sind das Problem

Verkehrsmediziner Steffen Geiger betonte, dass nicht das Alter an sich zum Problem für die Fahrtauglichkeit werden könne sondern verschiedene Krankheiten. Geiger nannte insbesondere Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes Mellitus und Epilepsie. Da sich im Alter Krankheiten häufen stelle sich die Frage nach der Fahrtauglichkeit jedoch vermehrt. Die Hör- und Sehfähigkeit nehme im Alter ab. Die Reaktionsfähigkeit ebenso. Es gebe aber auch positive Faktoren: Senioren hätten mehr Routine und seien in der Regel vorsichtiger als Junge. Geiger gab den Senioren den Rat, sich durch Weiterbildung ihre Fahrkompetenz zu erhalten.

Als Verkehrsmediziner muss Geiger oft Gutachten über die Fahrtauglichkeit erstellen. Er wisse, dass die Fahrtauglichkeitsprüfung ein sehr emotionales Thema sei. So habe ihm ein Proband erklärt, dass er nur mit dem Auto zu seinem Haus auf dem Berg gelangen komme. Da müsse er den Leuten entgegnen, dass sie sich rechtzeitig Gedanken zu ihrer Wohnsituation machen sollten, damit die Mobilität im Alter gewährleistet bleibe. Oft sind auch kognitive Einschränkungen ein Thema. Wenn beim Verkehrsmediziner Zweifel bestehen müssen sich die Probanden in der Basler  Memory Clinic auf ihre Fahrtauglichkeit hin testen lassen.

Steffen Geiger stellte auch das relativ neue Vierstufen-Modell der ärztlichen Kontrolluntersuchungen vor. In der ersten Stufe kann jeder Arzt eine Kontrolle vornehmen. Es ist jene Untersuchung, welche zur Zeit ab dem 70. Altersjahr alle zwei Jahre durchgeführt werden muss. Stufe 2 ist für Berufsfahrer. Hier braucht der Arzt eine Zusatzausbildung. Stufe 3 kommt zur Anwendung, wenn leichte Zweifel an der Verkehrstauglichkeit bestehen. Stufe 4, wenn man Zweifel an der Verkehrstauglichkeit hat. Hier nimmt ein Verkehrsmediziner die Beurteilung vor.

Alle sollen zur Kontrolle

Zur aktuellen politischen Diskussion – erster Test mit 70 oder mit 75 – nahm Geiger nicht Stellung. Aus einem einfachen Grund: Er vertrat die Meinung, dass Tests bei allen Automobilisten in regelmässigen Abständen durchgeführt werden sollen – unabhängig vom Alter.

Eine Ansicht, welche auch der zweite Referent, Fahrlehrer Gilbert Quenet teilte. Bereits unter dem alten Regime wurde er von Hausärzten beigezogen, wenn sie Zweifel an der Fahrtauglichkeit ihrer Patienten hatten. Mit dem Vierstufen-Modell sei es schwieriger geworden, die amtlichen Kontrollfahrten zu bestehen. Quenet riet den Senioren, sich sorgfältig darauf vorzubereiten und zu trainieren. „ Es gibt nur eine Chance.“

Gilbert Quenet legte seine Finger auf verschiedene wunde Punkte. Patienten würden ihre gesundheitlichen Probleme beim Arzt verschweigen – aus Angst, dass dieser sie dann als untauglich erklärt, weiterhin ein Auto zu fahren. Aber auch viele Ärzte seien zu wenig sensibilisiert. Insbesondere wenn Medikamente verschrieben werden, welche die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen.

Diskussionsleiter Martin Matter wollte wissen, ob es für rüstige Senioren Fragebogen zur Fahrtüchtigkeit gebe. Quenet erwähnte die Niederlande. Geiger räumte ein, dass ihm kein entsprechendes Hilfsmittel zur Selbsterkenntnis bekannt sei. Er gab aber einige Tipps: Wer aufgeregt beim Fahren sei, wem öfter ein Missgeschick passiere (z.B. Rotlicht überfahren, Parkschäden verursachen), wer zu langsam oder zu unregelmässig fahre, müsse sich fragen, ob er oder sie noch verkehrstüchtig sei.

„Hetze“ gegen Alte

War man sich auf dem Podium in allen Punkte einig, so war die Diskussion mit dem Publikum sehr lebhaft. Die erste Votantin nahm eine klare Gegenposition zum Podium ein. Es gebe keinerlei Zahlen zum Verhalten von älteren Automobilistinnen und Automobilisten, weder in Basel noch in der Schweiz. So unterscheide die Todesfallstatistik nicht zwischen Tätern und Opfer. Es sei eine Diskriminierung und „Hetze“ gegen die Alten im Gange, welche sämtliche Lebensbereiche umfasse. Man wolle die Alten von der Strasse verdrängen. Der ÖV sei keine Alternative: „Zehn mal gefährlicher als das Autofahren ist für uns das Busfahren – die Busfahrer nehmen mit ihrem Fahrstil keine Rücksicht auf uns.“ Ein weiterer Votant kritisierte, dass Menschen, die dem Aufgebot zum Fahrtauglichkeitstest nicht folgen, öffentlich „mit Vor- und Nachname“ im Basler Kantonsblatt aufgeführt würden, „während Mörder in der Berichterstattung der Medien anonymisiert werden“.

Autokosten höher als Taxipreise

Es gab allerdings auch andere Stimmen. Dank dieser medizinischen Kontrolluntersuchung würden auch Menschen sich ärztlich untersuchen lassen, die sonst nie zum Arzt gehen würden. Dadurch könne man Krankheiten rechtzeitig erkennen. Generell aber wurde die Kontrolluntersuchung in Frage gestellt. Es sei ein Kontrollmonster, das durch die Ausweitung auf alle Verkehrsteilnehmer nur noch grösser würde. Appelliert wurde an die Eigenverantwortung der älteren Automobilisten. Sie sollen bei Unsicherheiten den Führerschein freiwillig abgeben und auf den gut ausgebauten öffentlichen Verkehr umsteigen. Und: „Die Kosten für das eigene Auto sind viel höher als die Kosten für das Taxi.“

Diskussionsleiter Martin Matter erwähnte in seinem Schlussvotum, dass eine sich neu formierende Gruppe „Verkehr“ der Grauen Panther „nach intelligenten Alternativen“ suchen werde. Zum Beispiel eine „intelligent gestaltete Prüfung“. In die laufende politische Debatte werde man jedoch nicht mehr eingreifen können. Die geplante Erhöhung von 70 auf 75 Jahre werde immerhin eine kleine Verbesserung bringen.

Martin Brodbeck

Anmerkung

Ein Team der Rundschau des Schweizer Fernsehen SRF war heute bei uns. Sie werden zu diesem Thema in der Rundschau vom Mittwoch, 13. September 2017, einen Beitrag senden.