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Statt s Billet z‘löse, s Händy laade

Monatsveranstaltung vom 4.November 2019

Auf reges Interesse stiess das Thema unserer Monatsveranstaltung vom 4.November: Die Mobilität der älteren Menschen im digitalen Zeitalter. Fazit: Der Gebrauch von digitalen Mitteln wie Apps scheint in den Reihen der Grauen Panther schon recht verbreitet zu sein, aber die traditionellen Wege – Schalter und Billetautomaten - bleiben weiterhin wichtig für die Älteren.

Im Alltag gibt es für uns Ältere nicht wenige Hindernisse oder Widrigkeiten im öffentlichen Raum und beim Verkehr: steile Treppen an Stationen, rücksichtslose Velofahrer, sperrige Billetautomaten – der kurze Film, produziert für die jüngste kantonale Liestaler Tagung über Mobilität und Verkehrssicherheit im Alter, warf ein paar Schlaglichter auf solche Situationen. Unsere Veranstaltung, moderiert von den beiden GP-Vorstandsmitgliedern Barbara Fischer (Hauptdarstellerin im genannten Film) und Marc Joset, drehte sich indessen ausschliesslich um Vor- und Nachteile der ÖV-Digitalisierung für ältere Menschen.

«Einfach – einfach - einfach»
Stephan Brode, als Chief Digital Officer bei der BLT zuständig für alles, was digital blüht beim gelben Drämmli, nannte als Hauptgebot (oder Ziel) der Digitalisierung: Es muss «einfach-einfach-einfach» sein. Aber was heisst das? Was für die Einen leicht verständlich scheint, ist vielleicht für die anderen zu hoch. Der Trend aber ist klar: Möglichst viele Funktionen sollen aufs Handy geleitet werden, denn das hat man dauernd in der Hosentasche (ausser man vergisst es irgendwo…). Die BLT ist der Meinung, papierene U-Abos, Einzel oder Mehrfahrtenkarten würden eher mal vergessen als das Handy.
Apps auf dem Handy wie die Ticketing App des Tarifverbunds Nordwestschweiz sind ausnehmend praktisch; das Billet oder die Mehrfahrtenkarte, die im Display erscheint, sieht genau so aus wie der papierene Ahne. Aber es gibt auch Nachteile in unserer grenznahen Region: in Mariastein oder Riehen etwa, erst recht am Euroairport, funkt bisweilen das ausländische Mobilfunknetz drein und hindert uns am korrekten Umgang mit dem digitalen Ticket. Das Problem ist erkannt, die Abhilfe lässt auf sich warten.

Die meisten haben das U-Abo
Wie lösen wir unsere regionalen Billette? Brode fragte das Publikum nach dem U-Abo: fast alle Hände hoben sich, zur sichtlichen Befriedigung des BLT-Manns. Etliche haben natürlich das GA. Gerne hörte man Brodes Versicherung, die BLT würden ihre Billetautomaten nicht abschaffen, vor allem weil sie weiterhin recht häufig zur Abo-Verlängerung benützt werden. (Diese Haltung kontrastiert mit den SBB, die die mittelfristige Abschaffung selbst der Automaten angekündigt haben). Die BLT spiele auch nicht mit dem ab und zu geäusserten Gedanken,  Abos auf Papier abzuschaffen.
Bezahlt wird das U-Abo häufig mit dem herkömmlichen Einzahlungsschein, aber auch dessen Tage sind nach dem Willen der Banken und der Post gezählt: ab 2020 wird es einen anders gestalteten EZ geben. Die Bezahlung mit der Ticketing App ist bequem, demnächst wird man das U-Abo auch auf dem Swisspass lösen können.

Ganz ohne Billett
Ausführlich ging Brode auf den «dernier cri» in Sachen ÖV-Tickets ein: jene Apps wie Fairtiq, lezzgo und andere, bei denen man überhaupt kein Billett mehr zu lösen braucht:  Die App erkennt nämlich, wo man ist und wo man einsteigt, und wo man hinfährt und aussteigt; danach berechnet sie den Preis für die gewählte Strecke automatisch und rechnet via vorher eingegebene Kreditkarte ab.  Das alles stiess im Publikum auf spürbares Interesse und regte zu Detailfragen an. Diese Apps, so wurde andrerseits aus dem Publikum eingewendet, sind zwar äusserst komfortabel, der Preis dafür besteht aber in einer weiteren Preisgabe eines grossen Stücks Privatsphäre, indem die Standortfreigabe im Handy aktiviert sein muss.

Die Älteren nicht abhängen
Adrienne Hungerbühler, Projektleiterin im Amt für Mobilität des Kantons-Basel-Stadt, skizzierte die Überlegungen beim Kanton zu unserem Thema. Der heutige «App-Dschungel» (laufend neue Apps) werde sich hoffentlich lichten, bis es dereinst nur noch eine einzige App für alles rund um den ÖV gibt. Auch Fahrpläne bieten immer mehr digitalen Komfort mit Streckenvorschlägen, Preis, Zeitbedarf. Aber auch das ist (noch) nicht jedermanns Sache. Ganz klar sagte die Referentin: «Die Älteren dürfen nicht abgehängt werden»: Schalter müsse es auch weiterhin geben, gleichzeitig aber auch Schulungen im Handy-Umgang für interessierte Ältere.

Kleinbus und Hubs
Und wie wird die Mobilität wohl in 30 Jahren aussehen? Mit elektrischen und selbstfahrenden Autos werde zwar die Luft etwas sauberer, meinte Adrienne Hungerbühler. «Aber die Staus und den Parkplatzmangel wird es weiterhin geben». Deshalb brauche der ÖV mehr Aufmerksamkeit: Die Mobilität müsse umwelt- und platzschonender werden. Ein Trend etwa geht in Richtung kleinere Fahrzeuge, die näher zu den Leuten gelangen, weil die Digitalisierung die Suche, wer sich wo befindet und wohin die Fahrt gehen soll, stark erleichtert. Im Klartext: App-basierte Kleinbusse wie das System Kolibri, das im Raum Baden getestet worden ist; dort wurden Kurse angeboten für Ältere, damit sie mit der App umgehen und von dem Angebot profitieren können. Also eine Art modernisierter Rufbus. Auch Mitfahr-Gelegenheiten werden mithilfe einer App viel einfacher. Andere Möglichkeit:  Fahrzeuge teilen dank «Fahrzeug-Hubs», also einer Art Zentren, die verschiedene Fahrzeuge für verschiedene Zecke anbieten. Natürlich ebenfalls via eine App. In Basel angekündigt ist im übrigen das Projekt einer Bieler Firma mit elektrischen Micro-Autos namens «enuu», verteilt im Stadtgebiet ähnlich wie E-Scooters. Was natürlich sofort die Klage über das Chaos mit den E-Scootern provozierte: Hat es denn überhaupt Platz für noch mehr neue Angebote?

Die Hauptbotschaft, die Adrienne Hungerbühler überbringen wollte, lautete: Ein Verkehrsraum mit Restflächen für Menschen wie heute – das geht nicht mehr: Der Verkehr muss Platz lassen für andere Nutzungen.

Sowohl, als auch
Für die Grauen Panther lässt sich vielleicht folgender Schluss ziehen: Offen sein für neue digitale Lösungen, aber zugleich voller Einsatz für die «analoge Generation», die nicht abgehängt werden darf. Auch in unseren Reihen, das ergab eine kleine Umfrage, benutzen neben den Handy-Besitzern noch relativ viele den Schalter und/oder den Billettautomaten.

Martin Matter

 

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